Der leiseste Ort in Bozen ist eine reine Männer-WG

Tag 1 | Bruder Bernhard

Bozen, 5:57 Uhr. Es ist schon hell. Abt Bernhard öffnet uns die schwere Holztür. 56 Jahre alt, weiße Haare, sanfter Blick. Es ist kühl im Kreuzgang. Und fast ohrenbetäubend still. Wir dürfen beim Morgengebet der Brüder dabei sein. Ob wir wohl stören, den Brüdern fremd sind? Wir jedenfalls fühlen uns wie in ein anderes Universum gebeamt. Leise ein Foto machen. Klonk! Oh je, das war der Objektivdeckel.

Gebet, Gottesdienst, Radio-Predigt, Gebet, Mittagspause, Schulklassen-Führung, Büroarbeit, Seelsorge, Gebet, Abendessen, wieder Gebet. Ziemlich voller Tag. Ob das Leben als Abt auch mal hektisch ist?

„Stress ist eine Haltung. Das versuche ich nicht aufkommen zu lassen. Wenn man Gott in seinen Kalender einbezieht funktioniert das ganz gut. Ich habe auch den Mut, Dinge abzusagen, wenn es zu viel wird.”

Bernhard Holter wirkt ausgeglichen, reflektiert. Wie jemand, der ganz bei sich ist. Seine Antworten kommen wohl überlegt, er ist gleichzeitig offen, fröhlich. Er findet, dass er hier so sein kann wie er ist und schätzt, dass es nicht so individualistisch zugeht. Wir sind zugegebenermaßen ein bisschen überrascht von seiner lebensbejahenden Art.


Radio Maria am Apparat: Predigen im 21. Jahrhundert



Als Abt hat er auch viel Kontakt nach außen, mit Smartphone und Laptop geht er ganz selbstverständlich um. Facebook oder Twitter hat er nicht. Wie das Armutsgelübde gelebt werden soll, wird nicht mehr wie früher von oben diktiert. „Jeder Bruder muss ein gutes Maß finden, auch seinen Aufgaben entsprechend.“

Bruder Bernhards Zimmer ist einfach, nicht besonders groß. Er deutet auf zwei Regale. „So viele Bücher brauch ich hier eigentlich nicht, die könnte ich auch raustun.“ Im gesamten Kloster gibt es dafür umso mehr Platz: Es fehlt an Nachwuchs.




Leiser Ort hinter alten Mauern. Der Kreuzgang im Franziskanerkloster.


Nach dem Mittagsgebet geht es in den Speisesaal. Gemeinsam mit den Brüdern wird für das Essen gedankt und wir werden noch einmal vorgestellt. Die hauptsächlich älteren Brüder in ihren dunkelbraunen Gewändern lächeln uns freundlich zu. Wir fühlen uns gleichzeitig willkommen aber auch ziemlich anders. Allein mit unserer Kleidung stechen wir ziemlich aus der Gruppe.

An diesem Nachmittag kommt eine Schulklasse. Man merkt, dass Bernhard Holter Freude daran hat, von Franziskus und seinen Ideen zu erzählen.




Weihwasser im Kanister




„Genuss und Verzicht gehören zusammen. Wenn man jeden Tag den Sonntagsbraten hat, ist er sonntags nichts Besonderes mehr.“

Nach einem Tag des abwechselnden Arbeitens und Besinnens spuckt uns das Kloster zurück ins Treiben der Fußgängerzone, in der es trubelig ist wie eh und je. Wir aber sind, zumindest für den Moment, ein bisschen langsamer geworden.

Und jetzt du:

Einfach mal den Mund halten.

Besuche einen wirklich stillen Ort und sei ruhig. In Bozen z.B. den Kreuzgang des Franziskanerklosters, oder auch einen Ort in der Natur.

Zum Kreuzgang

Ruhephasen einplanen

Wenn du dich gestresst fühlst, teile deinen Tag vorher bewusst in Phasen des Arbeitens und in Phasen des Innehaltens ein.

Höre jemandem zu

Wer in deinem Familien- oder Freundeskreis könnte ein offenes Ohr gebrauchen?

Zuhören

Bernhard Holter

59 Jahre, Franziskaner-Abt, Priester, Seelsorger. Wohnt in Bozen.


Er ist wie all seine Brüder ein echter Frühaufsteher, empfindet teure Luxusuhren als großes Ärgernis, muss sich morgens keine Gedanken machen, was er anzieht.