160 Liter Milch sind das schönste Lob

 

Tag 2 | David Perathoner

Staubig aber wohlig warm. So fühlt sich der erste Moment nach dem Aufwachen an. Nur sehr ungern verlassen wir in aller Frühe unser weiches Nachtlager. Wir sind in einem Heuschober gelandet. Gestern Abend sind wir bei David und Jonas auf dem Goashof in Tanirz angekommen. Der Tag beginnt hier sehr früh, deswegen haben wir über dem Ziegenstall geschlafen um nichts zu verpassen.  Im Hintergrund hört man hin und wieder leises Gemecker. Kaum rollen wir die schwere Tür der Scheune auf, kommt auch schon David  zielstrebig aber ohne Eile auf uns zu und erkundigt sich, ob das Heu auch gemütlich war. Man hat das Gefühl, dass David genau weiß, was er tut. Jeder Handgriff sitzt und wenn eine Aufgabe abgeschlossen ist, weiß er bereits was als Nächstes ansteht.

„Heute arbeite ich immer noch sehr viel. Aber ich lebe dabei mehr.“

Vor zehn Jahren hat David Perathoner seinen Job im Sportgroßhandel gekündigt und begonnen, seinen Lebenstraum von einem Bio-Ziegenhof zu verwirklichen. „Die Kündigung ist eine Blitzaktion gewesen.“ Über zwei Jahre hat sich David über Ziegenhaltung, verschiedene Rassen und Landwirtschaft informiert und sich unterschiedliche Betriebe angesehen, bevor er seinen eigenen Betrieb aufgebaut hat.


Milchziegen leben auf Davids Goashof.



„Früher hatte ich ein schickes Auto – heute fahre ich Traktor.”



Erste Aufgabe: Ziegenmelken. Der Melkschemel und der dunkle Stall aus unserer Vorstellung ist schnell vergessen. Hier ist alles blitzblank und hell erleuchtet. Die Ziegen wissen genau was jetzt passiert. Das Melken ist ans Futter gekoppelt und so stürmen sie zu den Melkmaschinen. Im Hintergrund läuft klassische Musik. Als wir vorsichtig nachfragen, ob das auch für die Ziegen gedacht ist, muss David lachen. Das ist ausnahmsweise für die Zweibeiner. Eine angenehme Untermalung der Arbeit.



Ein high-tech Ziegenstall.


Nachdem 74 Ziegen gemolken sind, gehen wir in den Stall. Jonas ist gerade angekommen und verteilt Heu. Jonas ist Davids Gehilfe. Er ist nur in den Sommermonaten da, um David bei der Arbeit zu unterstützen. „Im Sommer ist die Zeit schon mal knapp.“ Im Winter braucht es keine zusätzliche Hand auf dem Hof.

Jonas arbeitet im Winter auf einer Skihütte. „Das ist eine schöne Abwechslung“ sagt er, „aber eigentlich bin ich lieber auf dem Hof.“ Das merkt man auch. David und Jonas kommen gut miteinander aus und arbeiten als Team. Hierarchie bemerkt man hier nicht.


Gemeinsam packen wir die nächste Aufgabe an. Das Heu aus den Heukammern muss in die große Scheune geräumt werden. Prima. Heu ist uns seit gestern Nacht eine vertraute Materie. Bewaffnet mit Heugabel und Staubschutz werden wir von der Heukralle des Krans hoch in die abgetrennten Kammern des Heuschobers gehoben. Aufregend!

Als wir auf die Uhr schauen, erschrecken wir fast. Es ist erst 12 Uhr. Unserem Hunger nach zu urteilen könnte es gut ein paar Stunden später sein. Wir laufen zu Davids Wohnung, die ebenfalls in Tanirz liegt, in einer kleinen Siedlung wenige hundert Meter vom Hof. Brigitte, Davids Partnerin, hat Spinatknödel für uns gekocht, die wir hungrig vertilgen. Die Zutaten bringt Brigitte meist aus dem Lebensmittelgeschäft mit, in dem sie arbeitet. Zum Teil werden die eigenen Produkte auch lokal gegen Eier oder Gemüse getauscht. Es schmeckt herrlich und zufrieden plaudern wir über Davids Leben. Das hat sich seit seiner Entscheidung grundlegend geändert.






Wie schmecken Knödel nach körperlicher Arbeit? Großartig!

„Geld spielt eine viel geringere Rolle für mich als noch vor 10 Jahren.“

Am Nachmittag geht es in die Produktion. David verarbeitet seine Milch selbst. Nur so rentiert sich der kleine Betrieb. Seine Produkte (Milch, Joghurt, Käse) kann man im Raum Bozen und bis nach Meran in Naturkostläden und Bäckereien kaufen. Besonders stolz ist er auf seinen Ziegenfrischkäse: „Der wird sogar von Michelin-Sterne-Köchen verwendet.“ Als kleiner Erzeuger ist er sehr flexibel mit seinen Kunden. So kommt es, dass Brigitte an diesem Nachmittag spontan zehn Liter Milch zur Avalon Eisdiele nach Bozen bringt. Die reifen Avocados müssen verarbeitet werden. Einmal Milchexpress bitte!

Nachdem die Milch abgefüllt und die Bestellungen für den nächsten Tag bearbeitet sind, neigt sich unser Besuch schon wieder dem Ende zu. Wir trinken gemeinsam ein Feierabendbier. Das fühl sich über die Maßen gut an. Wir haben wirklich etwas geschafft. Wir treten den Heimweg an. Während sich unsere Glieder müde anfühlen, sind unsere Köpfe hellwach.



Und jetzt du:

Komm zum Punkt

Konzentrier dich auf etwas, das du heute tun willst und mach diese Aufgabe fertig.

Zum Punkt kommen

Tu was Sinnvolles.

Wenn dich dein Job zu sehr stresst und unglücklich macht, kündige ihn. Was willst du mit ­deiner Zeit machen? Was liegt dir? Plane eine Alternative.

Job kündigen

Geh mit dem Tag.

Mache dich einen Tag von der Sonne abhängig. Steh mit dem ersten Licht auf und geh ins Bett wenn es dunkel wird.


David Perathoner

54 Jahre, Ziegenbauer, Aussteiger. Wohnt in Tanirz.


Ausgebildeter Tischler und lang im Sportgroßhandel und als Pilot tätig gewesen. Statt Flugzeuge hegt und pflegt er heute auf „David’s Goashof“ mehr als 70 Ziegen. Erfolgreicher Quereinsteiger. Vertreibt Käse, Milch und Joghurt.