Zwischen Welt retten und Windeln wechseln

 

Tag 4 | Familie Schlauch-Palmisano

Hier drüben gibt es Schlüpfer aus biologischer Baumwolle, die uns ein wenig an die 60er Jahre erinnern, da vorne coole Upcycling-Taschen aus alten Jeans und schicke Designerklamotten. Gutes Gewissen inklusive. Wir schlendern von den fairen Orangen zum Second-Hand-Stand und halten Ausschau nach unserem heutigen Teilnehmer. Wir sind auf der Ekotex gelandet, einer Messe für faire, grüne und teils lokal produzierte Kleidung, die hier Mitten in Bozen im Dominikanerpark stattfindet. Organisiert wird diese Event von der Organisation Skonsumo. Das Wetter könnte kaum besser sein und viele Familien mit Kindern wühlen sich durch Hanf-Shirts, Leinenstoffe und andere Produkte mit ökologischer Herkunft.

Wir sind mit Michael Schlauch und seiner Frau Gaia verabredet. Neben dem Stand der Montessori Schule entdecken wir schließlich Michael. Er sitzt mit seinem Sohn Peter hinter einem Transparent für die Anti-Benko-Initiative. Anti-Benko ist gegen die Umsetzung des geplanten Einkaufszentrum am Bahnhof in Bozen, für das der Park davor weichen muss. Michael war in den letzten Monaten federführend für diese Bewegung. Die Entscheidung fiel vor ein paar Wochen: das Einkaufszentrum wird gebaut. Anti-Benko engagiert sich weiter.


Ein Tag auf der Ekotex in Bozen.



Michael strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Man hat das Gefühl, dass er nie in Eile oder Hektik gerät. Wie macht er das? Bereits bei unserem Vorgespräch konnten wir kaum schnell genug notieren in welchen Initiativen sich Michael und Gaia alles engagieren. Darüber hinaus haben die beiden einen kleinen Sohn, Peter und erwarten ihr zweites Kind.

Michael kommt ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern und hat in Bozen den Anderen Dienst im Ausland gemacht. Hier hat er auch Gaia kennen und lieben gelernt. Nach ihrem Studium sind sie wieder zurück nach Bozen gekommen. Heute teilen sie sich einen Arbeitsplatz im Jugendzentrum in Bozen und sind zusätzlich in vielen Initiativen involviert. Zum Teil in aktiver Rolle, manchmal auch als Springer oder Netzwerker. Ob Antifa, Anti-Benko, Free Software, Alternative Ökonomie oder ihre Mitgliedschaft in der GAS. Die junge Familie bringt das mit einer Gelassenheit und Selbstverständlichkeit unter einen Hut, die neugierig macht: Wie kam es eigentlich dazu?





„Das ist gewachsen“ sagt Michael. „Als ich nach Bozen kam habe ich gemerkt wie privilegiert ich bin.“ Wieder spricht er bestimmt aber ohne Eile. Er nimmt sich viel Zeit. Für Peter, seinen Sohn, aber auch für unsere Fragen. Wir reden darüber wie schwierig es ist, seinen Platz in einer Gesellschaft zu finden, in der schon alles da ist bzw. zu viel von allem da ist:

„Es gibt drei Arten zu leben. Da sind die einen, die es nicht besser wissen, dann gibt es welche, die es eigentlich besser wüssten, aber trotzdem nichts ändern wollen, das sind oft Zyniker, und dann gibt es die Koherenten, die Bescheid wissen und etwas ändern wollen, so wie wir das versuchen.  Wir probieren, nachhaltig zu leben und auch aktiv zu sein“.

In unseren Augen schaffen Gaia und Michael das ganz schön gut. Und sie wissen unheimlich gut Bescheid. Sie kennen einfach jede Initiative, die sich mit Neuen Formen des nachhaltigen Wirtschaftens beschäftigt. „Man kann nicht alles allein rausfinden. Am besten lernt man von andern“. Es überrascht uns nicht, dass die beiden auch bei der Gründung von Transition Town Bozen involviert waren.

Wie kann man die Gesellschaft von unten verändern?





Ganz konkret versuchen sie auch für sich selbst Alternativen zum Konsum zu finden. „Wir kaufen wenig Neues. Grade Kindersachen kommen einfach zu uns. Es gibt so einen Überfluss an Kindersachen. Es gibt auch so einige Secondhand-Läden für Kindersachen. Manches holen wir über Tausch- und Gebrauchtwaren-Gruppen auf Facebook.“
In diesem Zusammenhang lernen wir auch SCEC kennen. Eine Alternative Währung die nur innerhalb einer bestimmten Gruppe getauscht und weitergeben werden kann. Das Geld, also der Wert, bleibt so in der Community und stärkt lokale Strukturen.

„Wir wollen kohärent zu unseren Ansichten leben, also auch das umsetzen, wovon wir überzeugt sind.“

Das ist manchmal gar nicht so einfach wie es zunächst klingen mag. Das zeigt auch eine kleine Box, die auf dem Tisch der Anti-Benko Initiative steht. Benko hat die Initiative aufgrund einer Satire-Seite verklagt. Die IP war auf Michael angemeldet. In der Dose wird Geld für den Anwalt gesammelt.

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waren bei der Abstimmung in Bozen für Benko.




Zeit für Familie: Peter ist einfach überall mit dabei.




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seines Einkaufs kann man in teilnehmenden Geschäften mit der SCEC-Währung bezahlen.

Ein wenig nachdenklich packen wir unsere Dinge und laufen von der Ekotex zum Bahnhofspark, wo jetzt eine kleine Demonstration gegen Benko stattfindet, für die wir am Vormittag auf der Ekotex geworben haben. Es ist heiß. Michael erklärt Interessierten, was Sie mit Anti-Benko bewirken möchten. Peter spielt fangen mit einigen aus der Gruppe als Gaia das Megafon in die Hand nimmt und das Manifest der Anti-Benko Initiative vorliest. Zustimmung von allen Demonstranten. Das Einkaufzentrum am Bahnhof wird gebaut werden, trotzdem wollen Gaia und Michael weitermachen. Wir sind uns sicher, dass Sie schon einige Dinge bewegt haben und noch viel vor sich haben. Mit dem Kopf voller Gedanken verabschieden wir uns und verlassen die kleine Demonstration.


Und jetzt du:

Misch dich ein!

Mach deine Stadt zukunftsfähig! In vielen Städten gibt es die Transition Towns, ein offenes Netz aus Nachhaltigkeits-Initiativen.

Meine Stadt verändern

Kein Spielgeld.

Lokalwährungen wie der SCEC stärken lokale Wirtschaftskreisläufe.

Wie funktioniert das?

Gratis kaufen.

In sogenannten Umsonst-Läden kann man geldlos gut Erhaltenes mitnehmen und abgeben.
In Bozen gibt es das Passamano.

Mehr Läden finden

Gaia Palmisano und
Michael Schlauch mit Peter

Beide 25 Jahre, Aktivisten, Sozialarbeiter. Wohnen in Bozen.


Haben mutige Visionen für Bozen und mischen einfach überall mit. Arbeiten im Jugendzentrum. Haben merkwürdige Scheine in der Geldbörse und kennen jede Initiative in der Stadt.