Unser Gartenzwerg ist eine Schaufensterpuppe

 

Tag 7 | Familie Vezzani

Die Garagentür schwingt auf und wir stehen mitten in einer Schatzkammer. Schlitten, Fernseher, Fahrräder, Möbel, Koffer, Spielzeug, Teller, Designobjekte. Das ist nicht etwa der über Jahrzehnte angesammelte Ramsch der Familie. Es sind gerettete Objekte, die die Vezzani-Clauts hier vorübergehend lagern. Wir sind überwältigt von dieser Materialflut. Bei genauerem Hinsehen merkt man, dass die meisten Dinge in tip-top Zustand sind.

„Was alles weggeschmissen wird. Das können wir kaum fassen.“ – Paola

All solche Dinge rettet und repariert Pietro Vezzani in seiner Freizeit. „Es geht uns darum, die Teile wieder in der Kreislauf zurückzuführen.“, erzählt der entspannte 58-jährige mit der weißen Brille. Fast wie in einem hippen Szene-Café fühlt man sich in dem kleinen Garten zwischen schicken alten Lampen und Sesseln, Schaufensterpuppe, Werkbank und Holztisch. Das südtiroler Bergdorf Jenesien verschmilzt mit 60er Jahre Rock’n’Roll aus der Lautsprecherwand zu einer skurrilen, sympathischen Melange.



Die Schatzkammer der Familie Vezzani.


„Es ist uns wichtig den Kindern zu zeigen, dass es nur Dinge sind. Man muss sie auch wieder loslassen und weitergeben können.“ Also werden die Sachen, die nicht gebraucht werden können, weiterverschenkt oder verkauft. Die Kinder, das sind Giacomo (10) und Vico (6), zwei aufgeweckte Jungs, die beide auf die Montessori-Schule gehen. Wir spielen gemeinsam ein Brettspiel, „Obstgarten“. Beim Match gegen die böse Krähe tauen sie sofort auf. „Wir haben hin und wieder Reisende da, wollten immer ein offenes Haus haben. Die Kinder sind also daran gewöhnt, dass hin und wieder jemand zu Besuch kommt.“, verrät Paola.







Nach einer erholsamen, unglaublich stillen Nacht, lädt Paola uns ein, bei ihrer südamerikanischen Spazier-Meditation mitzumachen. Nur ein paar Gehminuten vom Haus geht es in den Wald, wo wir wie in Zeitlupe, langsam aus-, langsam einatmend, hintereinander hergehen. Fast jeden Tag schafft Paola es, sich dafür Zeit zu nehmen. Meistens in Bozen, wo sie arbeitet. Die Zeit scheint sich zu dehnen. Oder rast sie? Auf jeden Fall nehmen wir die Zeit und unsere Umgebung ganz anders wahr.




Fichtensprossen helfen bei Halsweh.

„Ich denke, unser Weg hierher war ein Prozess. Ganz sicher haben wir uns gegenseitig weitergebracht.“

Das sagt Pietro über Paola und Paola über Pietro. Sie kaufen fast nichts neu und versuchen mittlerweile auch viele Tauschkreise oder Sharingsysteme zu nutzen wie zum Beispiel „blablacar“ oder machen beim „giornata del baratto“ (Tauschevent) mit. Sie tauschen eigentlich alles mögliche; Dinge aber auch professionelle Leistungen. Zusammen mit einer Freundin, die gut nähen kann, machen sie Klamotten-Upcycling.


Sanitäter der Dinge: Pietro hat wieder etwas gerettet!

Mal am Tag fährt Pietro zum Wertstoffhof, wenn er offen hat.

Wir fahren mit dem Auto zum Recyclinghof. Pietro steigt aus und macht seine gewohnte Runde über den Platz. Eine asphaltierte Fläche mit mehreren Containern, alles sauber und aufgeräumt. Wir warten im Auto, wollen keine große Aufmerksamkeit erregen. Leider stehen nicht alle seiner Mission positiv gegenüber. Was er wohl heute findet? Mit einem Babybett unterm Arm kommt er zurück. Später findet er auch noch ein altes Eis-Verkaufschild, worüber sich Vico freut: „Ich nehme das hier und du?“, er tippt auf ein Schokoeis und grinst. Wir fühlen uns an Omas Dachboden erinnert, ein absoluter Sehnsuchtsort aus Kindertagen.


Die Eissorten sind ausgestorben, die Tafel lebt weiter.

„Es interessiert mich nicht, viel Geld oder viele Sachen zu besitzen. Es ist gut, so viel Geld zu haben, dass man frei ist. Und den Zahnarzt bezahlen kann.” – Pietro

Die Familie überlegt, demnächst eine Reise zu machen. Für ein paar Monate das Haus zu vermieten und an verschiedenen Orten in Europa zu leben und zu lernen. „Bei so einer Reise würden die Kinder sicher viel lernen. Mehr als in der Schule.“ Wir jedenfalls haben auch hier jede Menge gelernt, und das schon an einem einzigen Tag. Apropos Reise. Auch für uns geht es wieder weiter. In ein paar Minuten geht die Seilbahn zurück nach Bozen. Schnell packen wir unsere Sachen. Bis bald und viel Glück! In einer kleinen Kabine gondeln wir über Baumwipfel und Weiden zurück ins Tal.


Und jetzt du:

Rette ein Ding!

Bewahre etwas vor dem Müll. Wenn du etwas reparieren willst, suche nach „Repaircafés“ oder „Offenen Werkstätten”.

Offene Werkstatt MANU in Bozen

Teilen mit Pumpipumpe.

Vielleicht kannst du dir Dinge von deinen Nachbarn leihen. Mit den Briefkastenaufklebern von Pumpipumpe zeigst du deinen Nachbarn, was du verleihen kannst.

Sticker bestellen

Fahrt gemeinsam!

Auch ohne eigenes Auto kommst du ans Ziel. Und lernst vielleicht tolle Leute kennen. Auf blablacar beispielsweise.

Fahrten finden

Pietro Vezzani, Paola Claut, mit Vico und Giacomo

Pietro, 58 Jahre ist Bauzeichner und arbeitet im Staatsarchiv, Paola, 45 Jahre, ist Museumsvermittlerin im Archäologiemuseum.


Haben eine Garage voller Schätze. Träumen von einer großen Europa-Tour mit der ganzen Familie. Veranstalten den „Garage Sale“, eine Art privates Flohmarkt-Festival.